„Patenkind“ Raya Bolduan berichtet über ihre Arbeit für Aktion Sühnezeichen Friedensdienste in Israel

Raja Bolduan ist 24 Jahre als und lebt, wie Luise, in Kiel. Als Raya sie anschrieb und um eine Patenschaft für ihren Aufenthalt in Israel bat, sagte Luise, die selbst einige Monate in Israel und den palästinensischen Gebieten war, sofort zu. Hier können Sie Rajas ausführlichen Bericht lesen.

 

1. Hintergrund
Ich bin Raya Bolduan, 24 Jahre alt und komme aus Kiel. Nach dem Abitur 2009 habe ich ein FSJ Kultur in Schwerin beim Landesmusikrat Mecklenburg Vorpommern e.V. gemacht, bevor ich, wiederum in meiner Heimatstadt, angefangen habe Europäische Ethnologie/Volkskunde und Deutsch an der Christian Albrechts Universität zu Kiel zu studieren. Nach der Beendigung des
Bachelors habe ich nun beschlossen, ersteinmal Erfahrungen im Ausland zu sammeln, bevor mein Berufsleben (oder ein Masterstudium) beginnen soll. Bei der Recherche nach Möglichkeiten eines Auslandsaufenthaltes stieß ich auf Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) und war von Beginn an begeistert von den angebotenen Projekten, vor allem in Israel. Also folgte meine Bewerbung und das Hoffen auf die Annahme.
2. Vorbereitung
Die Vorbereitung durch ASF gliederte sich in drei Teile. Der erste Teil fand noch in Deutschland statt und reichte von dem Auswahlseminar bis zur Ausreise, umfasste also einen Zeitraum von fast einem 3/4 Jahr, in dem ich mich in unregelmäßigen Abständen immer wieder mit der Organisation, dem Ausreiseland und den Projekten auseinander setzte. Das Auswahlseminar fand im Januar 2014 in einer Jugendbildungsstätte in Brandenburg statt. Vorbereitung bedeutete es dewegen, weil hier nicht nur die Freiwilligen der nächsten Generation ausgewählt werden sollten, sondern auch die Organisation, ASF selbst, vorgestellt wurde. Ich war wirklich überrascht über die große Anzahl an TeamerInnen und auch über den Aufbau des Seminars. Denn es war viel Platz für Diskussion und dem eigenen Auseinandersetzten, nicht nur mit dem anstehenden Jahr im Ausland, sondern vielmehr mit geschichtlichen und aktuell-politischen Themen, sowie mit sich selbst. Nach den vier Tagen in Brandenburg hatte ich nun also wirklich einen bleibenden Eindruck von ASF, und eine Vorstellung von Standpunkten, Zielen und Werten. Nach der Zusage sollten zahlreiche Emails folgen, die die weiteren Vorbereitungen erklären und strukturieren halfen. Hier ging es um Visaangelegenheiten, versicherungstechnische Dinge, aber auch um den Patenkreis, das Praktikum, Vorstellungsschreiben für die Projektpartner und praktische Tipps zum Packen. Die nächste Zeit beschäftigte ich mich damit, genügend Paten (15 á 15€/Monat) zusammenzubekommen. Ich führte Gespräche, schrieb Emails und Briefe, knüpfte Kontakte und bekam insgesamt so viel positives Feetback, dass die Suche schnell und positiv verlief und zeitnah beendet werden konnte
(DANKE!). Die nächste Zeit war dann geprägt von dem Gaza-Krieg im Sommer, was noch einmal eine ganz andere Auseinandersetzung mit dem bevorstehendem Jahr bedeutete. Was ist, wenn sich die Situation nicht bessert? Kann ich ausreisen? Was gibt es für Alternativen? Und natürlich
machten sich in dieser Zeit Familie und Freunde Sorgen, fragten mich, ob ich mir sicher bin, nach Israel zu wollen usw. Ja, ich war mir sicher und die Lage beruhigte sich dann ja auch. In dieser Zeit kamen mehr Emails von ASF, speziell vom Leiter des Israel-Referats Bernhard Krane, mit Informationen zur aktuellen Lage im Land, Sicherheitshinweisen, Lesetipps, und immer wieder mit
der Versicherung, den Dienst jederzeit abbrechen zu können. Ich hatte das Gefühl wirklich gut betreut zu werden. Der zweite Teil der Vorbereitung meines Dienstes begann dann Anfang September, wieder in Brandenburg zu dem 9-tägigen Vorbereitungsseminar mit allen ASF-Freiwilligen dieser Generation. Hier erwartete uns ein wirklich straffes Programm mit diversen Workshops, Seminaren und Ausflügen. Es ging um die Geschichte ASF’s, Deutschlands, unserer Rolle als Freiwilliger in dem jeweiligen Land und was uns dort erwarten kann. Es wude auch projektspezifisch gearbeitet, dabei ging es um den Umgang mit Kindern, alten Menschen, Zeitzeugen und Menschen mit Behinderungen. Wir machten eine lyrische Wanderung, eine Rallye auf dem Gelände, hatten Besuch von einem integrativen Zirkus, fuhren nach Berlin ins Archiv des Jüdischen Museums, trafen dort einen Zeitzeugen und viele, viele Dinge mehr. Es gab Mengen an Input und die Chance die anderen Freiwilligen kennenzulernen. Die dritte Vorbereitungsphase began dann in Israel, mit der 22-köpfigen Ländergruppe. Wir verbrachten weitere zwei Wochen in dem Guesthouse Beit Ben Yehuda in Jerusalem. Hier gab es Workshops über Land und Leute, Sicherheitslage (umfasste eine Einführung, was bei Bombenarlarm zu tun ist und das Austeilen der persönlichen Gasmasken für den Fall eines Giftgasangriffes – hier wurde uns dann doch etwas mulmig zumute), Zionismus und jüdische Feiertage. Wir besuchten die Altstadt und wurden durch Yad Vashem geführt; die letzten sechs Tage gab es einen Mini-Sprachkurs, der uns erste Einblicke ins Hebräische brachte. Schließlich erfuhren wir auch, mit wem wir das nächste Jahr in einer WG leben werden sowie weitere praktische Informationen das Einkaufen oder Krankheitsfälle betreffend. Wir waren die zwei Wochen über selbst für das Einkaufen und Essen kochen sowie auch Aufräumen usw. verantwortlich. Wir lernten uns in dieser Zeit gut kennen und wuchsen als Gruppe zusammen. Da ich meine Zeit nun aber pausenlos seit Anfang September in verschiedenen Gruppen verbrachte und quasi nie Zeit für mich allein hatte, freute ich mich umsomehr auf den Einzug in die WG und den Beginn der Projekte.
3. Ankunft
Meine Ankuft im Land und meine erste Zeit hier war vor allem geprägt durch das oben erwähnte Orientierungsseminar im Beit Ben Yehuda. Gleich am ersten Abend nach der Landung in Tel Aviv wurden wir sehr nett und mit einem großartigen Buffet in Empfang genommen. Das Programm war wie oben geschildert straff und so blieb nicht viel Zeit, um sich die Stadt außerhalb der
vorgesehenen Programpunkte anzusehen und sich allein oder in einer kleineren Gruppe einen ersten Einblick zu verschaffen. Das war gerade in der Anfangszeit etwas schade, denn manchmal hatte ich gar nicht das Gefühl hier zu sein. Genauso gut hätte ich mich in einer Stadt in Südeuropa befinden können. So isolierte mich also das Orientierungsseminar ein wenig vom Alltagsleben in
Jerusalem, aber das sollte ja noch früh genug starten.
Nach den zwei Seminarwochen folgte schließlich der Einzug in die WG, die ich mit drei anderen Freiwilligen teile. Mit Aaron, Luise und Mathis wohne ich in einer recht großzügigen Wohnung im süd-östlichen Industriegebiet Talpiot, das unweit von Betlehem liegt. Mit ihnen verbringe ich viel Zeit, wir essen zusammen, quatschen, tauschen uns über die Erfahrungen aus unseren Projekten aus, entdecken das Nachtleben zusammen usw. Ich bin sehr froh, mit ihnen zusammen zu wohnen. Nach der ersten großen Putzaktion war die Wohnung dann auch sauber und wir konnten beginnnen unsere Zimmer einzurichten und alles ein bisschen wohnlicher und gemütlicher zu
gestalten. Da in der ersten Zeit in Israel der jüdische Kalender viele Feiertage bereit hielt, wie z.B. Rosh haShana oder Jom Kipur, hatten wir umso mehr Zeit die Stadt kennenzulernen, allerdings zum Großteil zu Fuß, denn Feiertag bedeutet nicht nur, nicht zur Arbeit zu gehen, sondern auch kein
öffentlicher Verkehr in der Stadt. Schnell entschied ich mich deshalb dazu, mir ein Fahrrad anzuschaffen, gerade auch, weil meine beiden Projekte sehr nah zur Wohnung gelegen sind. Bei den ersten Erkundungstouren stellte sich dann auch endlich das Gefühl ein, in Jerusalem angekommen zu sein. Ich erkundete die ersten Bars und Cafés und begann einen Eindruck von den Menschen und der Gesellschaft zu bekommen. Und der war durchaus positiv. Man kommt hier
sehr schnell ins Gespräch mit anderen Menschen auf der Straße und wenn ich erzähle, dass ich aus Deutschland komme und hier für ein Jahr volontiere, bekomme ich eigentlich durchweg lächelnde, nette Gesichter zu sehen und positive Reaktionen. In den Projekten wurde ich sehr nett empfangen. Im Beit Siegfried Moses, dem Wohnheim für ältere zumeist aus Deutschland Ausgewanderte, wurde ich an meinem ersten Tag herum gefürt. Mir wurden die verschiedenen Stationen gezeigt und die wichtigsten Sachen erklärt. Ich lernte den Manager des Hauses kennen und wir vereinbarten, was meine Aufgaben für das Jahr sein werden. Besondern schön fand ich dabei, dass ich meine eigenen Interessen dabei integrieren kann. Auch das Kennenlernen der BewohnerInnen war sehr schön, denn alle freuten sich, auf ein neues
Gesicht und ich bekam viele positive Rückmeldungen über meine anstehende Arbeit. Im Leo Baeck Institut bemerkte ich gleich, dass hier selbstständiges Arbeiten gefragt ist. Ich hatte ein kurzes Gespräch mit der Chefin, dann zeigte mir die Sekretärin die Räumlichkeiten und meinen Arbeitsplatz, der sich im Lesesaal des Instituts befindet. Hier sitze ich zusammen mit Tim, der zur Zeit
Praktikant ist. Ich erfuhr mehr über meine Aufgaben hier und das war es dann erst einmal. Nun hatte ich Zeit, mich selbstständig in Geschichte und Organisation sowie Aufageben des Instituts einzuarbeiten.
4. Meine Projekte
Ich habe zwei Projekte, die eigentlich verschiedener nicht sein könnten. Ich arbeite 40 Stunden pro Woche und bin jeden Tag in beiden Projekten. Das ist gut, weil es nie langweilig wird und sehr abwechslungsreich ist, manchmal aber auch anstrengend, weil ich mich aufgrund dieser so unterschiedlichen Arbeit immer wieder neu umstellen muss, was ein schnelles Umdenken und auch Konzentration bedeutet. Das Leo Baeck Institut Jerusalem ist eine Einrichtung, die zur jüdischen Geschichte in Deutschland forscht. Hier werden Bücher publiziert, aber auch Summerschools und Postdoc Seminare sowie
weitere Kongresse, Vorträge und Veranstaltungen finden statt. Es gibt ein Archiv mit vielen Originaldokumenten, Fotos, Briefen aus Nachlässen, gesammelte Zeitschriften- und Buchbände. Somit ist das Institut auch Anlaufstelle für ForscherInnen. Es gibt außerdem eine Bibliothek mit Bücher zum Holocaust, Antisemitismus, Politik und Philosophie, Religion, Judentum, deutsche
Literatur u.v.w.m. Das Team ist sehr klein, der Großteil ist nur auf Honorarbasis angestellt und arbeitet von zu Hause aus. Meine Tätigkeiten sind vielfältig und umfassen neben dem inhaltlichen Arbeiten mit Texten auch kleinere Zuarbeiten wie das Raussuchen, Scannen und Kopieren von Archivdokumenten, Rechercheaufträge, Öffentlichkeitsarbeit, Postgänge, vorbereiten von
Veranstaltungen, auf- und umräumen, abwaschen und einkaufen. Ich redigiere momentan viele Texte für eine anstehende Publikation über ‚Jeckes‘ in Haifa, was total Spaß macht und auch inhaltlichen Input bedeutet. Außerdem bin ich für den Booksale verantwortlich: Da eigentlich immer Platzmangel herrscht hier im Institut, sollen doppelte oder aussortierte Bücher an Universitäten usw. verkauft werden. Das Arbeiten läuft hier recht selbstständig und eigenverantwortlich ab. Das hat für mich eigentlich nur Vorteile, weil ich das aus vorherigen Jobs und dem Studium gewöhnt bin. Dennoch ist der Ton
im Archiv manchmal recht ruppig, damit muss ich mich noch abfinden, finde es aber teils sehr schade, da es mir nicht immer das Gefühl gibt, wirklich wertgeschätzt zu werden. Die Kommunikationstruktur ist teils etwas schwierig, was z.B. Veranstaltungen am Abend oder Feiertage betrifft. Es ist nicht gerade sehr familiär. Ich sitze die meistens alleine in dem Lesesaal. Die letzte Zeit gab es einige Änderungen, sodass jetzt auch die Archivarin und der Praktikant bei
mir sitzen. Die Mittagspausen verbringen wir häufig zusammen, was sehr schön ist. In meinem zweiten Projekt im Elternheim Beit Siegfried Moses ist die Atmosphäre hingegen wirklich angenhem und ich fühle mich sehr willkommen. Hier sprechen die meisten Bewohner Deutsch. Der Großteil kam schon als Kind ins Land oder aber ist später aus Amerika, England oder auch Frankreich emigriert. Ich gebe zwei mal die Woche eine Sport-Gymnastik-Stunde am Morgen und einmal eine Art Literatur-Kurs am Nachmittag, wo ich Kurzgeschichten vorlese und bespreche. Hier komme ich mit den alten Damen und Herren oft auch ins Gespräch über die Vergangenheit und es entwickeln sich interessante Gespräche Die restliche Zeit verbringe ich mit mir zugeteilten
älteren Damen, die ich in ihren Appartements besuche. Mit der einen arbeite ich vor allem vor dem PC, bin ihr bei ihren Email Korrespondenzen und weiteren kleinen Projekten behilflich, begleite sie zum Nachmittagskaffee und rede mit ihr über ihr und mein Leben. Mit der anderen älteren Dame mache ich kleine Sparziergänge in der näheren Umgebung oder erledige Besorgungen wie Obst und Gemüse einkaufen. Einer weiteren lese ich zwei Mal wöchentlich Märchen vor.
5. Das erste Highlight deines Freiwilligendienstes
Die Vorlage des Berichtes sieht vor, hier ein ‚Highlight‘ meines Dienstes zu positionieren. Das finde ich sehr schwierig. Ich habe schon so viel erlebt und bin so voll von Eindrücken, dass es nicht leicht ist, genau eines herauszupicken. Oft sind es eher kurze Situationen, die so sehr besonders sind und
die Zeit hier prägen. Ich habe mich entschieden, euch ein paar Eindrücke von den Treffen mit meiner alten Dame N. näher zu beschreiben. Die Treffen mit N. bleiben mir momentan am meisten im Gedächtnis. Wenn ich vom Beit Moses ins Leo Baeck Institute komme, bin ich oft noch mit den Gedanken bei dem,
was N. mir erzäht hat. So wie heute. Wir saßen wieder einmal vor ihrem PC in ihrem Appartement. Sie hat wieder neue ‚Projekte‘ bei denen sie meine Hilfe benötigt. Schon letzte Woche haben wir damit angefangen einen Stammbaum ihrer Familie (Großeltern väterlicherseits) aufzustellen. Ich brachte meinen eigenen Laptop mit, da ich doch zum Teil etwas überfordert bin mit dem
Hebräischen Word. Und so began ich also in die Lebensgeschichte dieser so außergewöhnlichen Frau einzutauchen. Nach und nach, mit jedem weiteren Namen, den ich dem Stammbaum hinzufügte, erfuhr ich auch mehr über sie. Wie nebenbei erzählt N. mir also von ihrer Kindheit, die sie zum Teil im Konzentrationslager Bergen Belsen verbrachte und die schnell zu Ende war, wie sie sagt. Dann springt sie zu ihren Verwandten in Israel und Amerika oder zu ihrem Enkel, der in Deutschland lebt. Viele Mitglieder der Familie haben den Krieg nicht überlebt, doch darauf geht sie meist nicht näher ein – in Außnahmen jedoch schon. Denn ein anderes Mal saßen wir vor ihrem Bücherregal und sie erzählte mir Details über ihre Sammlung von Kinderbüchern, zeigte mir das
eine oder andere Buch und dann holte sie eine Mappe mit Unterlagen heraus und sagte wie aus dem Nichts, dass das die Deportations- und Todesurkunde ihres Vaters seien, der in Auschwitz ermordet wurde. Diese besonderen Momente sind nicht immer schön und ich möchte dabei keinesfalls von ‚Highlight‘ sprechen, aber sie prägen hier meinen Alltag. Wenn ich komme sagt N. mir jedes Mal, wie sehr sie sich doch freut, mich zu sehen und wie sehr ich ihr helfe, beim Abschied bedankt sie sich nicht nur einmal. Die Besuche bei N. enden immer damit, dass wir vor ihrem Kühlschrank stehen und sie mir allerlei zu Essen zusammensucht, was ich mitnehmen kann, ich verlasse ihre Wohnung eigentlich nie ohne Joghurt, Kuchen, Brot oder Humus. N. ist wirklich
ein Goldstück und ich bin wirklich froh, sie zwei Mal die Woche zu besuchen.
Einen weiteren Teil möchte ich hier noch näher beschreiben und dass ist ein Ausflug in die Westbank, genauer gesagt nach Hebron. Hebron liegt 35 km südlich von Jerusalem, hier befindet sich die heilige Stätte Machpela mit den Gräbern von Isaak, Rebekka, Jakob, Lea, Abraham und Sarah. Beide Religionen – Islam und Judentum – berufen sich auf dieselben Stammväter. Hebron ist aufgeteilt in einen H1 und einen H2 Teil, den Juden nicht betreten dürfen, drum herum liegt die jüdische Siedlung Kiryat Arba, hier haben wiederum muslimische Menschen keinen Zutritt. Der Konflikt ist hier nicht nur spürbar wie in Jerusalem, sondern wirklich ersichtlich; durch Zäune, die
überall aufgestellt sind und bewaffnete Soldaten, die an den vielen Checkpoints stehen. Nicht nur Soldaten, sondern auch unabhängige Beobachter der Organisation TIPH gehen durch die Straßen. Es gibt Wachtürme, Grenzzäune und Mauern, die Hebron zu einem merkwürdigen Ort machen. Selbst manche Straßen sind durch Zäune geteilt, auf der einen Seite gehen Juden, auf der anderen Araber. Die Machpela war am stärksten bewacht, die Gräber durch schusssicheres Glas geschützt. Auf dem arabischen Markt in H2 waren viele Geschäfte geschlossen, die Straßen eher leer. Es gab Tongefäße, Sandmalerei, arabische Süßigkeiten, Schmuck u.v.w.m. In dem Bus zurück waren fast
alle Scheiben beschmiert, manche auch gesplittert. Am Checkpoint wartete ein palästinensischer Krankenwagen mit Blaulicht, dieser durfte nicht durch nach Jerusalem, der Kranke muss in einen israelischen Krankenwagen umgelagert werden, der uns schon entgegen kam. Ich habe diese zwei Themenbereiche gewählt, weil sie einfach am besten abbilden zwischen welchen Welten ich mich bewege und was mich in meinem Alltag und in meinen Gedanken
beschäftigt. Auf der einen Seite ist das in beiden Projekten natürlich immer wieder die Shoa, das Judentum, der Holocaust und die Überlebenden. Auf der anderen Seite der Alltag in Israel, speziell in Jerusalem. Die Anschläge der letzten Zeit, die angespannte Stimmung hier, der Konflikt, die Ausschreitungen und täglichen Nachrichten. Eine Mitfreiwillige sagte ganz am Anfang des Dienstes: als sie das erste Mal in Israel war, dachte sie eigentlich, es würden sich Fragen beantworten, doch ganz im Gegenteil kehrte sie mit mehr Fragen zurück, als sie gekommen war. Ich denke, ich verstehe sehr gut, was sie meint.

 

6. Erwartungen und Ziele
Von meinem weiteren Jahr erwarte ich noch viele neue, spannende Situationen und Projekte. Besonders freue ich mich auf das 60-Jahre LBI-Event Anfang nächsten Jahres mit vielen Veranstaltungen. Im Archiv bin ich auf Akten des Nachlasses eines Kieler Ankleidungsgeschäftes gestoßen, dass es noch zu katalogisieren gilt, gerne würde ich mich näher damit beschäftigen und
in die Familiengeschichte eintauchen. Ich bin auch gespannt auf weitere Teile der Lebensgeschichten meiner alten Damen und Herren. Ich freue mich auch darauf, Schritt für Schritt immer etwas mehr verstehen zu können im Alltag und nehme mir vor, weiterhin Hebräisch zu lernen. Gerne würde ich noch mehr Einblicke in die Westbank bekommen und Bethlehem, Hebron und Ramallah erkunden und mich auch mit Menschen, die dort leben, austauschen. Ich möchte noch so Vieles von diesem Land sehen, ganz viel reisen und wandern gehen.
7. Danksagung
Da mein Dienst zum wesentlichen Teil auf der Unterstützung meines Patenkreise, der ASFSpenderInnen und ZuwendungsgeberInnen, wie speziell in meinem Fall IJFD, basiert, möchte ich die Chance nutzen, mich auch im Rahmen dieses Projektberichtes noch einmal recht herzlich zu
bedanken. Dieser Dank gilt natürlich der finanziellen Unterstützung, die es mir ermöglicht, dieses Jahr in Israel verbringen zu können und hier leben, zu wohnen, zu reisen und zu arbeiten, aber auch der mentalen. Damit meine ich, dass mein Patenkreis für mich auch über die finanzielle Unterstützung hinaus eine Verbindung nach Deutschland in meine Heimat darstellt. Ich möchte
mich also bei euch für diese mir sehr wichtige Verbindung bedanken sowie für das interessierte Lesen meines Blogs und für die netten Rückmeldungen, Nachfragen und das Feedback.